Erschließung der niederländischen Zeichnungen in Weimar

eine kritische Bestandsaufnahme, Sammlungsstrategien, Hollandismus und Niederländer-Rezeption im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert

Projektziele:

Ziel des Projektes ist die kunsthistorisch-kennerschaftliche, kulturgeschichtliche und materialhistorische Aufarbeitung der niederländischen Zeichnungen des 15. bis 19. Jahrhunderts in den Graphischen Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar. Die stilkritischen Bestimmungen werden ergänzt durch die Erforschung der Bedeutung der Werke im Kontext der im 18. und 19. Jahrhundert von Sammlern und Künstlern gepflegten Niederländer-Begeisterung und ihrer vielschichtigen Rezeption durch Goethe und seinen Umkreis. Die historisierende Anverwandlung in der Epoche von Großherzog Carl Alexander soll als ein Aspekt der Musealisierung Weimars untersucht werden.

Projektinhalt:

Es handelt sich um ein Konvolut, das rund 1.460 Blätter des 15. bis 19. Jahrhunderts umfasst, davon zählten 82% ursprünglich zum Bestand der von Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach und Johann Wolfgang von Goethe gegründeten (Groß-)herzoglichen bzw. Staatlichen Kunstsammlungen, die übrigen kommen aus Goethes Privatsammlung.

Zum wissenschaftlichen Hintergrund dieses Projekts

Seit der Fusion der Weimarer Graphischen Sammlungen 2003 ist die ursprüngliche historische Einheit dieser Bestände wiederhergestellt worden und eröffnet neue Forschungsperspektiven jenseits fragmentarischer Untersuchungen. Als die Sammlungen 1919 getrennt wurden, trat ein Stillstand in der Erwerbungspolitik und der Erschließung der niederländischen Zeichnungen ein.

Über die vielschichtige kunsthistorische Aufarbeitung (Zuschreibung, Datierung, Provenienz, Materialanalysen) der größtenteils noch unerforschten Zeichnungen hinaus sollen mit dem beantragten Vorhaben die Niederländer-Bestände auch auf ihre kulturhistorischen Kontexte, insbesondere auf die Wirkung niederländischer Kunst in Weimar sowie auf Bezüge zu Goethes Werk und zum Hollandismus untersucht werden. Hauptgesichtspunkte sind dabei Goethes Forschungen zur niederländischen Kunst und ihre Rezeption im Goethe-Umfeld. Als stilistische Vorbilder für die zeitgenössische Kunstproduktion im ausgehenden 18. Jahrhundert galten hervorragende Künstler des 17. Jahrhunderts wie Rembrandt und Allart van Everdingen. Gerade Goethe nutzte deren Werke nicht nur für kunsttheoretische Betrachtungen und Analysen, sondern auch als Vorlagen für eigene zeichnerische Versuche. In den hollandistischen Kontext gehören auch Forschungen über die Kontakte des Weimarer Fürstenhauses und Goethes zum Kreis von Johann Georg Wille (Paris) und zu dem in Weimar tätigen englischen, an der niederländischen Marinemalerei orientierten Künstler Charles Gore.

Die Auseinandersetzung mit niederländischer Kunst wurde in der Weimarer Kunstpolitik während der Nach-Goethezeit fortgesetzt. Bestimmend war wohl der Einfluss der Großherzogin Sophie geb. Prinzessin der Niederlande (seit 1842 in Weimar). Zu untersuchen sind die Berufung niederländischer und flämischer Lehrer (Willem Linnig d. J. (1842–1890), Ferdinand Pauwels (1830–1904) und Alexander Struys (1852–1941) an die Weimarer Kunstakademie während ihrer Regentschaft im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach.

Das Projekt soll von einem wissenschaftlichen Team realisiert werden, das sich aus Experten für niederländische Zeichenkunst, für Weimarer Kunst- und Kulturgeschichte und für Papier- und Materialkunde zusammensetzt. Die Veröffentlichung der kunsthistorischen Bestimmung der Einzelwerke in einer im Internet frei zugänglichen Bilddatenbank der Klassik Stiftung Weimar werden in einer Gesamtpublikation Essays zur Rezeptionsgeschichte, zeitgenössischen Kunstgeschichtsschreibung und -theorie und Akademiepraxis ergänzen.

Die niederländischen Handzeichnungen in den zeitweilig getrennten und seit 2003 unter dem Dach der Klassik Stiftung Weimarerneut administrativ vereinten graphischen Sammlungen zeichnen sich durch eine besonders hohe Qualität aus. Gründe für die engagierte Erwerbungspolitik der (Groß-)herzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach und Johann Wolfgang von Goethes sind in der Ambition zu suchen, im ausgehenden 18. Jahrhundert Weimar zu einer kulturell führenden Residenz zu entwickeln. Sie brachten der Zeichenkunst, und hier bevorzugt der niederländischen Landschaftszeichnung Wertschätzung entgegen, die das beantragte Projekt gemeinsam mit der kunsthistorisch-kennerschaftlichen Aufarbeitung der Sammlungen analysieren möchte. Es gilt, zwei Zeichnungssammlungen von Weltrang und ihre einmalige kulturpolitische Strategie zu erforschen, ihren Einfluss auf Goethes Kunstrezeption, seine kunsttheoretischen Schriften sowie seine Kulturpolitik zu untersuchen. Goethes Sammeln niederländischer Zeichnungen ist wesentlicher Teil seines schöpferischen Umgang, insbesondere mit der Kunst des 17. Jahrhunderts, der schon früh einsetzte durch Studien in Frankfurt, Leipzig und Weimar. Er pflegte hollandistisch motivierte Kontakte zu dem Kreis um Johann Georg Wille in Paris, dem auch Georg Melchior Kraus – Mitinitiator und erster Direktor der Weimarer „Fürstlichen freyen Zeichenschule“ – angehörte. Die Sammlungsstrategie bestand darin, anhand von Handzeichnung und Druckgraphik europäische Kunstgeschichte nach Weimar zu holen, und zwar nicht allein, um Weimar zu einem universell ausgerichteten Musensitz auch unter bildkünstlerischen Prämissen auszugestalten, sondern auch zu praktisch-kunstpädagogischen Zwecken. So sollten sowohl die Schüler der Weimarer Zeichenakademie als auch Goethe selbst ihr zeichnerisches Können am Kopieren erstklassiger Vorlagen schulen.

Der von Goethe, Kraus und den (Groß)herzögen forcierte Aufbau eines enzyklopädischen europäischen Kunstmuseums mit Arbeiten auf Papier wurde in den Zeiten der Musealisierung Weimars fortgesetzt, gefördert durch die Heiratspolitik des Fürstenhauses: Nach ihrer Heirat mit dem Erbgroßherzog Carl Alexander kam 1842 die niederländische Prinzessin Sophie nach Weimar. Sie war es, die bedeutende Zeichnungen aus der eminenten Sammlung ihres Vaters, des niederländischen Königs Wilhelm II. (Oranien-Nassau); gezielt für die großherzogliche Sammlung erwarb. Neben explizit kunstpolitischen und -pädagogischen Zielen. Der Erweiterung einer Vorbildersammlung für die Weimarer Kunstschule, diente ihr Sammeln nicht zuletzt der dynastischen Selbstdarstellung. Durch besondere dynastische Konstellationen bedingte mäzenatische Strategien sind zu erforschen.

Der in Weimar gepflegte Hollandismus der Goethe- und der Nach-Goethezeit betrifft Aspekte der Kunstgeschichte, der Akademiepraxis und höfischer Repräsentation, wobei altniederländische, holländische und flämische Kunst immer als größere Einheit gesehen wurden.

Projektpartner:

  • Graphischen Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar
  • Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, Berlin
  • Papierstruktur.de

Projektlaufzeit:

November 2018 bis November 2020